Geschätzte Parlamentskolleginnen und -kollegen, sehr geehrte Damen und Herren Stadträte und wertes Publikum
Es ist mir eine grosse Freude und auch eine Ehre, heute das Amt der Parlamentspräsidentin übernehmen zu dürfen. Ich danke herzlich für das mir entgegengebrachte Vertrauen. Ebenso danke ich meinem Vorgänger Lukas Kessler für sein grosses Engagement, seine Zeit und seine Bereitschaft, dieses Amt mit viel Einsatz auszuüben. Lieber Lukas, du hast im vergangenen Jahr sachlich, kompetent und mit viel Geschick durch die Sitzungen geführt. Vielen Dank dafür.
Ebenfalls danken möchte ich jetzt schon meinem Vizepräsidenten Patrick Huber. Ich bin mir sicher, wir werden sehr gut zusammenarbeiten und ich bin froh, auf deine Unterstützung zählen zu dürfen.
Als ich über heute Abend nachdachte, fragte ich mich: Worüber spricht man bei dieser Gelegenheit? Klar war mir, dass ich am besten über etwas spreche, von dem ich eine Ahnung habe. Und da bietet sich bei mir natürlich der menschliche Körper an.
Erlauben Sie mir, die Politik und den menschlichen Körper miteinander zu vergleichen. Keine Sorge: Ich werde weder medizinisch noch anatomisch sehr ins Detail gehen.
Als Chiropraktorin verstehe ich am meisten von der Wirbelsäule. Alle Menschen, insbesondere Politiker und Politikerinnen profitieren enorm davon, wenn sie über ein stabiles Rückgrat verfügen. Ein Rückgrat gibt Halt, ermöglicht Aufrichtung und Aufrichtigkeit und sorgt dafür, dass man auch unter Druck nicht gleich einknickt. Gleichzeitig wissen wir aus der Medizin: Ein Rückgrat muss beweglich bleiben. Darum tragen wir dem politischen Rückgrat Sorge, schauen, dass es stabil, aber nicht starr bleibt.
Der menschliche Körper funktioniert im Idealfall als ausgeglichenes Zusammenspiel von links und rechts mit einer stabilen Mitte. Genau diese Balance wünsche ich mir auch in der Politik. Links, rechts und eine verlässliche Mitte – jede Seite / jede Partei hat ihre Aufgabe, ihre Stärken und ihren Nutzen. Wenn alles harmonisch zusammenspielt, haben wir einen gut funktionierenden Körper oder eben ein inspirierendes und konstruktiv arbeitendes Parlament.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Im Spitzensport etwa funktionieren gewisse Ungleichgewichte hervorragend. Rafael Nadal zum Beispiel ist ein ausgeprägter Linkshänder mit einem sichtbar muskulöseren linken Oberarm. Das hat ihn zu einem der weltbesten Tennisspieler gemacht, er war unter anderem durch seine Einseitigkeit aber auch verletzungsanfälliger als ausgeglichenere Konkurrenten.
Im Sport und allenfalls auch in der Politik kann ein solches Ungleichgewicht zu kurzfristigen Erfolgen führen. Auf Dauer führt es beim Menschen und in der Politik jedoch zu Verschleiss. Wir sollten deshalb – anatomisch wie politisch – nicht nach maximaler Kraft auf einer Seite, sondern nach Harmonie, Koordination und Ausgleich streben. Ein ausbalanciertes Zusammenspiel, mal mehr Kraft von der dominanten Seite, dann wieder filigranere Arbeit von der anderen Seite, gestützt von einer gut eingemitteten Mitte.
Vor fünf Jahren wurde ich in dieses Stadtparlament gewählt und durfte direkt Einsitz in der Geschäftsprüfungskommission nehmen. Ich gebe zu: Diese Aufgabe stellte ich mir ausgesprochen herausfordernd vor. Fünf Parteien in einem Raum, jede Stimme gleich viel Gewicht, unterschiedliche politische Überzeugungen – und dann die Erwartung, konstruktiv zusammenzuarbeiten.
Ich hatte Politik bis dahin nur von aussen beobachtet und meine Hoffnungen auf ein harmonisches Miteinander in der GPK hielten sich offen gesagt in Grenzen. Umso positiver wurde ich überrascht. Während dieser fünf Jahre durfte ich immer wieder erleben, wie Menschen mit teils komplett unterschiedlichen politischen Meinungen sehr konstruktiv zusammenarbeiten können, wenn es allen Beteiligten um die Sache geht, man einander zuhört und ein gemeinsames Ziel verfolgt.
Dieses Ziel war – und ist – das Beste für unsere Stadt und für alle Einwohnerinnen und Einwohner von Gossau zu erreichen und im Rahmen der GPK überdies zu prüfen, ob der Stadtrat alles richtig macht. Kleiner Spoiler am Rande: Die fünf Damen und Herren machen einen sehr guten Job.
Dieses Erlebnis hat mir eindrücklich gezeigt: Politik funktioniert dann am besten, wenn sie gut ausbalanciert ist. Wie ein Körper, bei dem nicht der stärkste Muskel entscheidet, sondern das Zusammenspiel aller. Wer nur den ohnehin schon starken Bizeps trainiert, hat vielleicht kurzfristig ein Erfolgserlebnis, doch wer den Triceps längerfristig vernachlässigt, darf sich über Schulterprobleme nicht beklagen.
Ein gesunder Körper braucht neben Skelett und Muskeln aber noch mehr, insbesondere Herz und Gehirn. Das Herz steht für Empathie, Menschlichkeit und Zusammenhalt. Das Gehirn für Analyse, Fakten und Verstand. Politisieren nur mit Herz ignoriert die Fakten – Politisieren nur mit Gehirn ignoriert den Menschen. Die Kunst liegt, wie wir alle wissen, darin, beides konstant und dosiert einzusetzen.
Auch die Atmung ist unverzichtbar. Ein gesunder Körper lebt vom Ein- und Ausatmen. Von Spannung und Entspannung. In der Politik heisst das: reden und zuhören, argumentieren und aufnehmen.
Nicht zuletzt braucht ein funktionierender Körper ein gutes Immunsystem. Eines, das Viren und Bakterien kennt, in Abwehr trainiert ist aber nicht alles Unbekannte überschiessend bekämpft. Meinungsvielfalt wirkt ähnlich: Sie fordert heraus, stärkt aber langfristig unsere demokratische Widerstandskraft.
Und weil ich den menschlichen Körper thematisiere, habe ich mir erlaubt, Ihnen ein passendes Geschenk mitzubringen.
Erstens eine kleine Massagehilfe. Für all jene Momente nach intensiven Debatten, in denen sich politische Knoten nicht nur im Kopf, sondern auch in den Muskeln festsetzen. Dosierter Druck an der richtigen Stelle kann Wunder wirken.
Zweitens eine Rolle Traubenzucker. Für Sitzungen, die mal wieder länger dauern als geplant. Schnelle Energie für konstruktive Lösungen.
Und drittens ein Minor-Stengel. Nicht aus rein gesundheitlichen, sondern aus menschlichen Gründen. Schokolade beruhigt die Nerven, hebt die Stimmung – und hilft manchmal mehr als ein zusätzliches Votum.
Dieses kleine Set soll uns daran erinnern, dass politische Arbeit zwar Kopfsache ist, aber nicht ohne Körper funktioniert. Und dass ein bisschen Selbstfürsorge auch im politischen Alltag durchaus ihren Platz haben soll.
Für mein Präsidialjahr wünsche ich mir in diesem Saal angeregte, faire Debatten. Diskussionen, bei denen es um die Sache geht, bei denen man einander zuhört und bei denen wir das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verlieren: ein lebendiges, lebens- und wohnenswertes Gossau.
In diesem Sinne freue ich mich auf ein spannendes Jahr mit Ihnen allen, auf konstruktive Sitzungen, lebhafte Debatten und eine Politik, die in Bewegung bleibt – gesund, belastbar und ausbalanciert.
Herzlichen Dank.
Gossau, 6.1.2026 [MU]