Gossau entwickelt sich zurück. Nicht gerade in die Steinzeit, aber vielleicht ins Mittelalter – in eine Zeit, in der die Reichen und Starken aufblühten, während die anderen im Schmutz sassen.

Der Schmutz, den wir heute in Gossau sehen, stammt unter anderem von feiernden Jugendlichen, die am Wochenende auf unseren Strassen Party machen. Und was tut unsere Stadt? Sie spart beim Abfallsammeln nach dem Wochenende und bei der Reinigung der Abfallkübel.

Noch viel schwerer wiegt allerdings, wo Gossau sonst den Rotstift ansetzt: bei der Bildung. Ausgerechnet bei den Schülerinnen und Schülern, die unsere Unterstützung am dringendsten benötigen, wird die Qualität reduziert. Weniger Förderung für Deutsch als Zweitsprache, Gruppenunterricht statt individueller Unterstützung bei Logopädie und Dyskalkulie, keine geförderte Hausaufgabenhilfe und weniger Geld für die Tagesstrukturen.

Was wird das für Folgen haben? Als Lehrerin sehe ich die Gefahr deutlich: Wenn wir bei der Unterstützung sparen, wird sich das Bildungsniveau weiter verschlechtern. Auf Oberstufenniveau werden wir die Konsequenzen dieser Entscheide besonders spüren.

Bildung darf kein Privileg sein

Die sprachlichen Kompetenzen sinken nicht nur in Gossau. Auch die Schweiz kämpft mit den ernüchternden PISA-Ergebnissen, die in der Parlamentssitzung angesprochen wurden. Selbst unsere leistungsstärksten Schülerinnen und Schüler sind sprachlich schlechter aufgestellt als früher. Lesen ist offenbar uncool geworden – umso wichtiger wäre es, die Freude am Lesen und die sprachlichen Fähigkeiten gezielt zu fördern.

Doch auch bei der Begabtenförderung wird gespart. Die Hälfte der BeGaFö-Kurse soll gestrichen werden. Der Stadtrat argumentiert, dass die verbleibenden Kurse für die allerbesten Schülerinnen und Schüler ausreichen würden. Schliesslich seien es ohnehin diese Kinder, die später ans Gymnasium gingen.

Aber woher wissen wir, welche Kinder von diesen Angeboten am meisten profitieren? Vielleicht sind es gerade diejenigen, die nicht zu den Allerbesten gehören, aber mit gezielter Förderung einen entscheidenden Entwicklungsschritt machen könnten. Begabtenförderung darf nicht nur den bereits Erfolgreichen zugutekommen. Sie muss auch Potenziale entdecken und entfalten.

Lernen muss man lernen können

Die GLP-FLiG kämpft gemeinsam mit der SP gegen dieses Entlastungspaket – manchmal fühlt es sich an wie Don Quichotte gegen Windmühlen. Die Mitte stellt sich, mit Ausnahme unserer Kollegin Andrea Rütsche, gegen ihre eigenen bildungspolitischen Werte.

Aus Sicht der Bildung sind es vor allem die Schwächsten, die unter diesem Paket leiden werden.

Der Stadtrat mag argumentieren, dass die Einsparungen notwendig seien. Vielleicht könnte man, wie von S. Rindlisbacher vorgeschlagen, die Hausaufgaben gleich ganz abschaffen. Aber was würde das ändern? Bildungsstarke Familien werden weiterhin mit ihren Kindern üben, lesen und sich auf Prüfungen vorbereiten. Sie haben die Möglichkeiten und Ressourcen dazu.

Doch wie und vor allem wo sollen Kinder lernen, selbstständig zu lernen? Im Klassenverband mit 25 Schülerinnen und Schülern? Wenn Gossau kein neues Schulhaus bauen kann, könnten solche Klassengrössen schon bald Realität werden. Und gleichzeitig werden mit den Freispiellektionen beziehungsweise Teamteaching-Sequenzen und weiteren Entlastungsmassnahmen wichtige Unterstützungsangebote gestrichen. Grosse Klassen bringen Herausforderungen mit sich. Das wissen wir alle. Wenn wir gleichzeitig jene Massnahmen streichen, die Lehrpersonen und Kinder entlasten, sind Probleme vorprogrammiert.

Müssen unsere Schülerinnen und Schüler irgendwann gemeinsam mit ihren Eltern auf die Strasse gehen, um gegen den Zustand unserer Bildungsinstitutionen zu protestieren – wie es in anderen Teilen Europas bereits geschieht? Das Bild mag zugespitzt sein. Aber es zeigt, wohin eine Politik führen kann, die den Wert der Bildung aus den Augen verliert.

Was bedeutet eigentlich «strukturelles Sparen»?

Das vorliegende Entlastungspaket ist nur ein Ausschnitt dessen, was die Ratsrechte gefordert und nun durchgesetzt hat.

Sind das tatsächlich die strukturellen Massnahmen, die uns langfristig Erleichterung bringen sollen? Unter strukturellem Sparen verstand ich bisher Veränderungen in den Verwaltungsabläufen und in den Strukturen der Stadt. Ich dachte an effizientere Prozesse, nicht an den Abbau von Leistungen für die Bevölkerung.

Nun wurde ich eines Besseren belehrt: Unsere bürgerliche Regierung und Parlamentsmehrheit kürzen Leistungen, die für viele Menschen von zentraler Bedeutung sind. Sie möchten es vielleicht nicht so nennen. Aber im Entlastungspaket steht es schwarz auf weiss. Gossau spart bei seiner Zukunft. Und dabei scheint die Stadt ihr Gewissen verloren zu haben.

Gossau, 4.11.2026 [Präsidium, VG]